Yoga verstehen · 05 / 07

Die fünf Kleśas

Wie Verkennen, Anhaften und Abwehr unser Erleben prägen können.

Rote und gelbe Ahornblätter auf dunklem nassem Boden
Veränderung wahrnehmen. Bild: BluBonRelaXon · Pixabay
Yoga-Sutra 2.3 · Sanskrit

अविद्यास्मितारागद्वेषाभिनिवेशाः क्लेशाः ॥

avidyāsmitā-rāga-dveṣābhiniveśāḥ kleśāḥ

Eigene sinngemäße Übertragung: Avidyā, Asmitā, Rāga, Dveṣa und Abhiniveśa sind die leidverursachenden Faktoren.

Ein philosophischer Blick auf Leiden

Kleśa bezeichnet einen bedrängenden oder leidverursachenden Faktor. Das Yoga-Sutra fragt danach, wie solche Faktoren die Wahrnehmung und das Handeln beeinflussen. Das ist keine vollständige Erklärung aller menschlichen Not. Krankheit, Verlust und soziale Lebensbedingungen lassen sich nicht auf eine falsche innere Haltung reduzieren.

Die Beispiele dienen der Selbstbeobachtung. Sie sind keine Diagnosen und keine Gründe, sich selbst oder anderen die Schuld an Leid zu geben.

Avidyā – grundlegendes Verkennen

Avidyā meint mehr als fehlendes Sachwissen. Vers 2.5 beschreibt Verwechslungen: etwa Vergängliches für dauerhaft oder Nicht-Selbst für Selbst zu halten. Avidyā bildet nach 2.4 den Boden für die anderen Kleśas.

Heutiges Alltagsbeispiel: Ich erwarte, dass ein schöner Zustand unverändert bleibt, und erlebe jede Veränderung als Bedrohung.

Asmitā – Ich-Verhaftung

Vers 2.6 beschreibt die scheinbare Gleichsetzung der Kraft des Sehens mit dem Instrument des Sehens. Im klassischen Zusammenhang geht es um eine grundlegende Verwechslung, nicht bloß um Eitelkeit.

Heutiges Alltagsbeispiel: Eine Kritik an meiner Arbeit fühlt sich an, als würde mein ganzes Wesen abgelehnt.

Rāga – Anhaften

Rāga hängt nach 2.7 mit angenehmen Erfahrungen zusammen. Daraus kann der Drang entstehen, eine Erfahrung festzuhalten oder immer wieder herzustellen.

Heutiges Alltagsbeispiel: Ich möchte, dass jede Meditation genauso angenehm wird wie die letzte.

Dveṣa – Abneigung

Dveṣa wird in 2.8 mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden. Im Alltag kann sich daran ein automatisches Abwehren anschließen. Das bedeutet nicht, dass sinnvolle Grenzen aufgegeben werden sollten.

Heutiges Alltagsbeispiel: Schon die Erinnerung an ein unangenehmes Gespräch lässt mich jedes neue Gespräch vermeiden.

Abhiniveśa – Festhalten am Leben

Vers 2.9 beschreibt ein tief verwurzeltes Festhalten, das auch Wissende betrifft. Häufig wird es als Lebensanhaftung beziehungsweise Todesfurcht erläutert. Es ist nicht einfach ein anderes Wort für jede Form von Stress.

Heutiges Alltagsbeispiel: Bei einer großen Veränderung bemerke ich, wie stark mein Bedürfnis nach Sicherheit ist. Dieses Beispiel nähert sich dem Thema an, bildet aber nicht seinen ganzen Sinn ab.

Erkennen eröffnet einen Spielraum

Vers 2.2 verbindet die Praxis mit dem Abschwächen der Kleśas. Vers 2.11 nennt Meditation im Umgang mit ihren Tätigkeiten. Für den Alltag lässt sich daraus die Frage mitnehmen: Kann ich einen Impuls wahrnehmen, bevor ich ihm folge?

Textstellen & Quellen

Grundlage: Patañjali zugeschriebenes Yoga-Sutra, 2.2–2.11. Sanskrit-Text zum Nachlesen bei GRETIL, SUB Göttingen ↗.

Die kurzen Sanskritstellen werden in Devanāgarī und IAST-Umschrift wiedergegeben. Die deutschen Übertragungen und Erläuterungen sind für diese Website eigenständig formuliert. Sie sind eine Einführung; verschiedene Auslegungstraditionen setzen unterschiedliche Schwerpunkte.