Yoga verstehen · 02 / 07

Citta Vritti Nirodha

Die Bewegungen des Geistes wahrnehmen und zur Ruhe finden.

Spaska im Schneidersitz auf einem Felsen am Meer
Am Meer innehalten und die Aufmerksamkeit sammeln. Foto: Spaska Forteva.
Yoga-Sutra 1.2 · Sanskrit

योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः ॥

yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ

Eigene sinngemäße Übertragung: Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen des Geistes.

Drei Begriffe, die zusammengehören

Citta – das geistige Geschehen
Citta umfasst hier das Feld des Denkens, Wahrnehmens und Erinnerns. Es ist mehr als der einzelne Gedanke, der gerade auftaucht.
Vṛtti – Bewegung oder Tätigkeit
Vṛttis sind die wechselnden Tätigkeiten dieses Geistes. Der Text unterscheidet in 1.6 gültige Erkenntnis, Irrtum, begriffliche Vorstellung, Schlaf und Erinnerung. Nicht jede geistige Bewegung ist also ein störendes Grübeln.
Nirodha – Stillstellung, Zurückhaltung, Zur-Ruhe-Kommen
Das Wort bezeichnet in diesem Zusammenhang eine tiefgreifende Beruhigung beziehungsweise ein Aufhören der geistigen Tätigkeiten. Die hier verwendete Formulierung „Zur-Ruhe-Kommen“ ist eine Annäherung, keine vollständige Definition.

Gedanken bemerken, statt gegen sie zu kämpfen

Du sitzt still, und plötzlich fällt dir ein unerledigtes Gespräch ein. Dann entsteht eine ganze Geschichte: Was hätte ich sagen sollen? Was denkt der andere über mich? An diesem alltäglichen Beispiel lässt sich beobachten, wie eine geistige Bewegung die nächste hervorruft.

Für den Einstieg in die Meditation ist es sinnvoll, dieses Abschweifen freundlich zu bemerken und die Aufmerksamkeit zurückzuführen. Daraus folgt nicht, dass der alte Begriff Nirodha lediglich „positive Gedanken“ oder gewöhnliche Entspannung meint. Im Yoga-Sutra gehört er zu einem umfassenden Weg der Sammlung.

Üben und Loslassen

Vers 1.12 nennt Abhyāsa und Vairāgya: beharrliches Üben und Nicht-Anhaften. Vers 1.14 betont die über längere Zeit fortgesetzte, mit Sorgfalt ausgeübte Praxis. Das lenkt den Blick auf eine verlässliche Haltung statt auf ein einmaliges besonderes Erlebnis.

Als heutige Anregung können wir daraus mitnehmen: regelmäßig Zeit nehmen, ohne jede Sitzung nach ihrem Erfolg zu bewerten. Die philosophische Bedeutung von Nicht-Anhaften reicht dabei weiter als eine kurze Pause vom Alltag.

Textstellen & Quellen

Grundlage: Patañjali zugeschriebenes Yoga-Sutra, 1.2, 1.5–1.6 und 1.12–1.16. Sanskrit-Text zum Nachlesen bei GRETIL, SUB Göttingen ↗.

Die kurzen Sanskritstellen werden in Devanāgarī und IAST-Umschrift wiedergegeben. Die deutschen Übertragungen und Erläuterungen sind für diese Website eigenständig formuliert. Sie sind eine Einführung; verschiedene Auslegungstraditionen setzen unterschiedliche Schwerpunkte.