Yoga verstehen · 03 / 07

Der achtgliedrige Yoga-Pfad

Acht miteinander verbundene Glieder – von der Lebensführung bis zur Sammlung.

Zwei Menschen auf einem Waldweg unter hohen grünen Bäumen
Ein Weg entsteht Schritt für Schritt. Bild: BluBonRelaXon · Pixabay
Yoga-Sutra 2.29 · Sanskrit

यमनियमासनप्राणायामप्रत्याहारधारणाध्यानसमाधयोऽष्टावङ्गानि ॥

yama-niyamāsana-prāṇāyāma-pratyāhāra-dhāraṇā-dhyāna-samādhayo ’ṣṭāv aṅgāni

Eigene sinngemäße Übertragung: Yama, Niyama, Āsana, Prāṇāyāma, Pratyāhāra, Dhāraṇā, Dhyāna und Samādhi sind die acht Glieder.

Ein zusammenhängender Übungsweg

Aṣṭāṅga bedeutet „achtgliedrig“. Im Yoga-Sutra umfasst dieser Weg ethische, körperliche und meditative Praxis. Hier ist damit der klassische achtgliedrige Weg gemeint, nicht speziell der heutige Ashtanga-Vinyasa-Unterricht.

Die Reihenfolge gibt Orientierung. Zugleich können die Glieder einander unterstützen: Ein aufrichtig geführtes Gespräch und eine ruhige Sitzhaltung können beide etwas mit der Qualität deiner Aufmerksamkeit zu tun haben.

1. Yama – Der Umgang mit anderen

Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Brahmacarya und Nicht-Anhäufen bilden den ethischen Rahmen. Brahmacarya bezeichnet traditionell unter anderem sexuelle Enthaltsamkeit; die heutige Deutung als bewusster Umgang mit Energie ist eine Erweiterung.

2. Niyama – Die eigene Lebensführung

Reinheit, Zufriedenheit, Disziplin, Studium und Hinwendung zu Īśvara. Die fünf Niyamas genauer kennenlernen →

3. Āsana – Eine beständige, angenehme Haltung

Vers 2.46 beschreibt die Haltung als stabil und angenehm. Der kurze Text bietet keine Sammlung der vielen Körperhaltungen heutiger Yogastunden.

4. Prāṇāyāma – Die Übung mit dem Atem

Die bewusste Regulierung des Atemgeschehens folgt im Text auf Āsana. Anspruchsvollere Atemübungen gehören in eine geeignete persönliche Anleitung.

5. Pratyāhāra – Das Zurücknehmen der Sinne

Die Sinne werden weniger von ihren äußeren Gegenständen mitgezogen. Es geht um eine Hinwendung nach innen, nicht um eine Abwertung der Welt.

6. Dhāraṇā – Die Sammlung der Aufmerksamkeit

Der Geist wird an einen gewählten Ort oder Gegenstand gebunden. Für den Einstieg kann das etwa die Wahrnehmung einer Körperempfindung sein.

7. Dhyāna – Meditative Kontinuität

Die Ausrichtung auf den Gegenstand wird zu einem fortlaufenden Strom. Mehr über Meditation →

8. Samādhi – Tiefe Sammlung

Der Meditationsgegenstand tritt ganz in den Vordergrund; das gewöhnliche Erleben der eigenen Tätigkeit tritt zurück. Das ist eine anspruchsvolle Beschreibung, kein versprochenes Ergebnis einer kurzen Übung.

Textstellen & Quellen

Grundlage: Patañjali zugeschriebenes Yoga-Sutra, 2.29–2.32, 2.46–2.55 und 3.1–3.3. Sanskrit-Text zum Nachlesen bei GRETIL, SUB Göttingen ↗.

Die kurzen Sanskritstellen werden in Devanāgarī und IAST-Umschrift wiedergegeben. Die deutschen Übertragungen und Erläuterungen sind für diese Website eigenständig formuliert. Sie sind eine Einführung; verschiedene Auslegungstraditionen setzen unterschiedliche Schwerpunkte.